Wohin mit dem Bart?

Ein Kommentar zu Magnus Klaues »Der Bart ist ab«1

»Unter Linken«, schreibt Magnus Klaue Anfang Dezember 2015, »die das Falsche in den eigenen Reihen schon immer früher durchzusetzen wussten, als der Rest der Gesellschaft, ist der Hass auf Weihnachten notorisch«, nur um in den folgenden vier Absätzen seines Textes gegen Veganismus und den Islam zu polemisieren. Sicher, sein Text steht unter dem Zeichen der islamistischen Terroranschläge in Paris, doch erscheint das angesichts des reinen Textverhältnisses (2:5 Absätze) nur als schwacher Aufhänger für eine Debatte über Weihnachten und (un)berechtigte Kritik an diesem Fest.

Während in Dresden und München, in Nürnberg und Hannover und überall sonst in Deutschland, wo es Ableger der PEGIDA gibt, Weihnachtslieder erklingen, während die Rechtsextremisten*innen der Identitären Bewegung Menschen zwangsmissionieren wollen, indem sie Weihnachtsbäume vor Parteibüros aufstellen und nicht zuletzt Nationalsozialisten*innen als Weihnachtsmänner verkleidet Plätzchen und rechtsextreme Propaganda unters »Volk« bringen, scheint es für Antifaschisten*innen schwierig zu sein, diesem »Fest der Liebe« positive Seiten abzugewinnen.

Doch nicht zuletzt gibt es auch linke Initiativen mit dem Ziel, den Weihnachtlichen Geist einzufangen, statt ein für alle Mal zu vertreiben. Während extrem rechte Parteien wie der Dritte Weg zur »Winterhilfe« aufrufen und das Bündnis Deutscher Patrioten Obdachlosen Decken für zwei Euro bringt, nur um in ihren Propaganda-Videos antiziganistische Positionen zu vertreten, macht sich auch die ein oder andere Volxküche für Menschen mit und ohne Obdach stark. Am heiligen Abend sollen Bedürftige gespeist werden. Aber Vorsicht: Einlass nur nach Vorlage der Einladung.

Doch es ist nicht nur die rechtspopulistische Inanspruchnahme des Weihnachtsfestes, das es der radikalen Linken so schwer macht, an dieses Brauchtum anzuknüpfen. Sicherlich, das möchte ich hier nicht in Frage stellen, mögen die Augen eines Kindes irgendwo in der so benannten und damit auch als solche konstituierten »Dritten Welt« strahlen, wenn es zu Weihnachten, womöglich auch ohne überhaupt den Anlass für diese Gabe zu kennen, eine Tüte voll mit Süßigkeiten und Spielsachen, gestiftet durch eine*n Einkäufer*in in einem x-beliebigen REWE-Supermarkt überreicht bekommt, aber ist es tatsächlich das Glück des Kindes und nicht vielmehr das eigene Wohlgefallen über die Mildtätigkeit der Menschen, das hier im Vordergrund steht? Macht Schenken wirklich glücklich, oder ist alleine der Akt des Schenkens Manifestation dessen, was wir wahlweise als Klassengegensätze, Armuts- bzw. Reichtumsschere oder soziale Ungerechtigkeit bezeichnen?

Gerade dann, wenn wir etwas aus Wohltätigkeit schenken, und sei es auch nur das halb verrostete Fahrrad, das in diesem Jahr nicht mehr auf die Sperrmüllmarke gepasst hat, erwarten wir als Gegenleistung Dankbarkeit. Selbst in der radikalen Linken hat sich dieses Anspruchsdenken, seinem Ursprung nach, der Manifestation des Eigentumsbegriffs hindeutend, längst verinnerlicht.

Wenn es »in den Herzen […] warm« wird, »Kummer und Harm« still schweigen und die »Sorge des Lebens verhallt«, so ist das keinswegs eine »Anschauung dessen, worauf der Begriff der freien Menschheit zielt«, Herr Magnus Klaue, dann würden Kummer und Harm nämlich nicht nur schweigen, also temporär ausgesetzt werden, sondern wir hätten sie ein für alle Mal beseitigt. Das sei eine Utopie? Ja, gewiss, aber defintiv die bessere Wahl statt einer »alle Jahre wieder«-Mentalität, bei der sich die Menschen jedes Jahr an Weihnachten aller Sorgen zu entledigen haben und all diejenigen verstoßen werden, denen dies – aus welchen Gründen auch immer – nicht gelingt.

Und überhaupt, warum sollte ich mich darüber freuen, dass auf Weihnachtsmärkten so viele »ordinäre, konsumsüchtige, geistlose, so viele  gewöhnliche Menschen frei herumlaufen dürfen, solange sie nicht andere angreifen oder nötigen«? Sind nicht Weihnachtsmärkte, ebenso wie Jahrmärkte ein Schauplatz der Exklusion? Sind sexistische Übergriffe, ebenso wie bloßer Gesinnungssexismus nicht auch Angriffe und Nötigungen? Ist der sich dort nach dem zweiten oder dritten Glühwein viel leichter bahnbrechende Rassismus, der immer wieder zur Äußerung kommt, kein Angriff? Werden nicht Menschen alleine dadurch ausgeschlossen, dass sie jede Tasse Glühwein, die sie auf einem Weihnachtsmarkt trinken, ihrer Lebensgrundlage absparen müssen? Selbstverständlich ist das ein gesellschaftliches Problem, aber nur selten kommt dieses Problem deutlicher zur Geltung. Es ist natürlich keine Lösung, die Menschen auf Weihnachtsmärkten wie Vieh zusammenzutreiben und zu erschießen, da haben Sie völlig Recht, aber die Probleme, die Weihnachtsmärkte haben, nur deswegen nicht anzusprechen und zu thematisieren, weil islamistische Attentäter*innen womöglich auch etwas gegen Weihnachtsmärkte haben, und stattdesen Veganer*innen und Muslime*a zu verunglimpfen, ist dann auch wieder eine fragwürdige Position.

Doch bei all diesen Fragen scheint mir der Kern der Debatte etwas zu kurz zu kommen: Das Weihnachtsfest als gesellschaftliches Großereignis bleibt stets vom persönlichen Verhältnis eines Menschen zu diesem Fest zu trennen. Während sich die konstitutive Kraft eines gesellschaftlichen Großereignisses wie Weihnachten und die damit verbundene Gewalt gegenüber dem einzelnen Subjekt kaum leugnen lässt, ist es selbstverständlich auch eine Form der Gewalt und vor allem eine verkürzte Kritik, Individuen für das praktizieren weihnachtlicher Bräuche zu kritisieren, oder diese gar (gewaltsam) daran zu hindern. Jede*r für sich sollte sich jedoch auch stets in Erinnerung rufen, dass auch das eigene Verhältnis zu Weihnachten eben jenes gesellschaftliche Verhältnis prägt, das Menschen zum Teil gegen deren Willen zwingt, sich den Weihnachtsbräuchen zu unterwerfen oder, sofern dies keine Option ist, exkludiert zu werden.

Ob Gänsebraten wirklich gut schmeckt, kann und will ich nicht beurteilen, Herr Magnus Klaue, aber mir schmecken zum Beispiel Glühwein und Lebkuchen. Und wenn ich an einem kalten Tag im März Lust auf Glühwein habe, dann nehme ich eine Flasche Rotwein und jeweils eine halbe Flasche Apfel- und Orangensaft, eine Stange Zimt, ein par Nelken und einen großen Schuss Rum. Und wenn dann der Glühwein fertig ist, werde ich es bedauern, dass ich nicht gerne backe und es auch im Einzelhandel erst wieder ab September Lebkuchen gibt. Aber eines Tages werde ich es lernen, Lebkuchen zu backen und dann wird für mich jeden Tag Weihnachten sein, ganz ohne Gänsebraten.

Fußnoten

1 Klaue, Magnus. „Der Bart ist ab. Ein Vorweihnachtsgruß an linksdeutsche Gefühlsjihadisten.“ in Jungle World Nr. 49, 3. Dezember 2015. http://jungle-world.com/artikel/2015/49/53124.html