Unsere Diskussionskultur

Sprache bestimmt zu einem sehr großen Anteil unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie ist nicht bloßes Ausdrucksmittel für Sachverhalte und Meinungen, sondern indem wir sprechen, handeln wir bereits.1 Mit unseren Worten erklären wir Absichten, gehen „Verträge“ ein indem wir die dazu erforderlichen Rituale vollziehen, verurteilen und verletzen andere Menschen. Umso wichtiger ist es, eigene Sprechakte immer wieder zu hinterfragen und zu reflektieren, denn nur so können wir sprachliche Diskriminierungen vermeiden.

Gerade in politischen Diskussionen, gerade im Kontext einer (nicht nur angeblichen) Anti-Diskriminierungsarbeit ist es deshalb erforderlich, großen Wert auf die Art und Weise, in der Diskussionen geführt werden, zu legen.

Zusätzlich erwarten wir uns von politischen Diskussionen auch einen Erkenntnisgewinn. Dogmatisches Entgegenhalten zweier unterschiedlicher Positionen, ohne aufeinander einzugehen lehnen wir ebenso ab, wie bewusste und inhaltsfremde Störungen von Diskussionen.

Das ist gerade im politischen Kontext, wenn sowohl unterschiedliche Erfahrungs- und Kenntnisstände, unterschiedliche Interessen und Positionen, als auch unterschiedliche Grade persönlicher Betroffenheit im Spiel sind, nicht immer einfach. Aus diesem Grund wollen wir hier einige Richtlinien zusammenstellen, die zur Vermeidung solcher Situationen, in denen Diskussionen unserer Erfahrung nach besonders häufig scheitern, beitragen. Selbstverständlich sind diese Richtlinien weder dogmatisch zu verstehen, noch erheben sie Anspruch auf Vollständigkeit. In unseren Diskussionen versuchen wir jedoch stets, die hier festgehaltenen Richtlinien zu beherzigen.

Richtlinien für eine erkenntnisreiche und diskriminierungsfreie Diskussion

Im Rahmen unseres Diskussionsworkshops am 19.01.2017 haben wir einen Diskussionsleitfaden erarbeitet. Diesen findet ihr hier: Diskussionsleitfaden

Diskussionsmoderation

Gerade um eine ausgewogene und diskriminierungsfreie Diskussion, in der auch alle Teilnehmer*innen die Möglichkeit haben, zu Wort zu kommen, zu gewährleisten, ist es unserer Erfahrung nach zweckdienlich eine oder mehrere Person(en) zur Diskussionsmoderation zu bestimmen. Aufgabe der Moderation ist es, dafür Sorge zu tragen, dass alle Teilnehmer*innen möglichst gleichen Anteil an der Diskussion haben und auch darauf zu achten, dass das eigentliche Diskussionsthema nicht verloren geht. Zusätzliche Aufgaben der Moderation können sein, auf die Einhaltung von Zeitlimits zu achten, sowie eine Diskussion dann zu beenden, wenn von dieser entweder keine weiteren Erkenntnisse mehr zu erwarten, oder es wiederholt zu Diskriminierungen von Teilnehmern*innen gekommen ist und die Rahmenbedingungen für eine sachliche Diskussion damit nicht mehr gegeben sind.

Gerade die Aufgabe, eine möglichst gleiche Beteiligung der einzelnen Diskussionsteilnehmer*innen zu gewährleisten, kann die Moderation vor große Herausforderungen stellen. Um nicht den Überblick zu verlieren, nutzen wir ein System, das sich balancierte Redner*innenliste2 nennt:

Die Moderation listet dazu alle Teilnehmer*innen in einer Spalte der Redner*innenliste auf.3 Sobald sich Personen für Redebeiträge melden, notiert die Diskussionsleitung in der nächsten Spalte eine Zahl, die sich nach der jeweiligen Meldereihenfolge innerhalb dieser Spalte richtet. Angenommen Person A und Person B melden sich nacheinander, wobei sich Person A vor Person B meldet:

Person A 1
Person B 2
Person C

An der Reihe ist stets die Person, deren letzte, nicht abgestrichene, Zahl am weitesten links steht. Haben in der gleichen Spalte mehrere Personen eine Zahl stehen, so kommt die Person mit der kleinsten Zahl, also die Person, die sich zuerst gemeldet hat, an die Reihe. Nachdem eine Person an der Reihe war, wird die entsprechende Zahl abgestrichen. Nachdem in unserem Beispiel Person A gesprochen hat, kommt Person B an die Reihe. Während Person B spricht, meldet sich zuerst Person A erneut, dann Person C:

Person A 1 1
Person B 2
Person C 3

Nachdem also Person B ausgesprochen hat, kommt zunächst Person C und dann erst Person A an die Reihe. Angenommen Person A sei ein*e ausgesprochen dominante*r Diskussionsteilnehmer*in und zu einem beliebigen Zeitpunkt sähe die Redner*innenliste folgendermaßen aus:

Person A 1 1 1 1 1
Person B 2 3
Person C 3 2

Nun würden so lange die Teilnehmer*innen Person C und Person B (abwechselnd) aufgerufen werden, wie diese sich melden und noch nicht die Spalte, in der Person A auf ihren*seinen Redebeitrag wartet, erreicht haben.

Die balancierte Redner*innenliste ist also darauf ausgelegt, dominantes Redeverhalten zu bremsen und passives Redeverhalten zu begünstigen, um auf diese Art und Weise eine möglichst ausgeglichene Diskussion anzustreben.

Häufig wird auch das Geschlecht der Teilnehmer*innen als zweites Quotierungskriterium verwendet. Das ist unserer Meinung nach zumindest innerhalb der radikalen Linken jedoch ein aus verschiedenen Gründen problematisches Kriterium.4

Erfahrungsgemäß bietet es sich insbesondere bei großen Diskussionsrunden an, Redebeiträge nach Art zu differenzieren, denn um eine einigermaßen flüssige Diskussion zu gewährleisten macht es beispielsweise Sinn, Verfahrensvorschläge und Rückfragen den eigentlichen Diskussionsbeiträgen vorzuziehen. Zur Unterscheidung verschiedener Redebeiträge haben sich Handzeichen etabliert, wir setzen aus Gründen der Barrierefreiheit jedoch auf farblich und symbolisch markierte Diskussionskarten, mit denen die Teilnehmer*innen der Moderation die Art ihres Beitrags mitteilen können. Bei Bedarf kann dieses System außerdem durch akkustische Signale erweitert werden, um auch Personen mit stark eingeschränktem Sehvermögen nicht auszuschließen.

Während die Moderation „normale“ Diskussionsbeiträge nach der oben beschriebenen, balancierten Redner*innenliste behandelt, werden Rückfragen (Verständnisfragen) und Verfahrensvorschläge in zwei gesonderten, unquotierten Listen notiert. Nach einem Redebeitrag werden dann zunächst die Rückfragen abgearbeitet, die von der entsprechenden Person auch gleich beantwortet werden, dann werden die Verfahrensvorschläge bearbeitet, bevor es mit dem nächsten Redebeitrag weitergeht.

Literatur

Austin, John L. Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with Words) (1962/1975). Deutsche Bearbeitung von Eike von Savigny. Stuttgart: Reclam. 1979.

Fußnoten

1 Diese Sichtweise geht vor allem auf den Philosophen John L. Austin zurück, der in seinen Vorlesungen zum Thema Sprechakte (Speech Acts) eine der ersten (geschlossenen) Theorien der sogenannten ordinary language philosophy vorgestellt hat. Vgl. Austin, John L. Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with Words) (1962/1975). Deutsche Bearbeitung von Eike von Savigny. Stuttgart: Reclam. 1979. Auch Judith Butler bezieht sich in ihren Arbeiten sehr ausführlich auf Austins Theorie.
2 Vgl. auch https://georgjaehnig.wordpress.com/2010/02/09/balancierte-redeliste-als-alternative-zur-quotierten-redeliste/. Wir haben dieses Verfahren aus praktischen Gründen etwas abgewandelt.
3 Zuweilen kann es natürlich Bedenken geben, die Teilnehmer*innen einer Versammlung schriftlich festzuhalten. In diesem Fall können selbstverständlich auch Pseudonyme verwendet werden. Zusätzlich kann die Redner*innenliste nach Beendigung der Diskussion sachgerecht vernichtet (z.B. verbrannt) werden. Redner*innenlisten über das Ende einer Diskussion hinaus aufzubewahren ist auf jeden Fall nicht zweckdienlich.
4 Einerseits verlangt eine Quotierung nach Geschlecht zumindest, dass sich die Teilnehmer*innen auf ein Geschlecht festlegen, in vielen Fällen wird dieses Geschlecht sogar aufgrund äußerer Merkmale von der Redeleitung vergeben. Andererseits werden durch eine Quotierung nach Geschlecht bestimmte gesellschaftliche Stereotypen, dass es nämlich typisch „weibliche“ und typisch „männliche“ Positionen gäbe, implizit reproduziert.